Mehr als “nur” ein Tanz

  • vonNastasja Akchour-Becker

Lich(nab). Flamenco ist so viel: Wild, spontan, ernst, verzweifelt, Tanz, Gitarrenspiel und Lebenskultur. Flamenco ist Leben und handelt vom Leben. Flamenco ist der Spiegel der Seele. Von all dem bekam das Publikum im Kino Traumstern am Mittwochabend einen sehr guten Eindruck: Dort gastierte der Flamenco-Gitarrist Antonio Andrade mit seiner “Compañía Flamenca Antonio Andrade”.

Flamenco ist weit mehr als “nur” ein berühmter spanischer Tanz. “Im Flamenco können wir all die menschlichen Gefühle zum Ausdruck bringen, für die wir keine Worte haben”, sagte Andrade zu Beginn der Show. Der Musiker ist in Lich kein Unbekannter: In den vergangenen Jahren gab er hier schon mehrfach Flamenco-Konzerte. Was den Flamenco angeht, weiß Andrade ganz genau, wovon er spricht, schließlich wurde er in Puebla de Cazalla bei Sevilla geboren, einem der traditionsreichsten Dörfer für Flamenco-Gesang. Neben der grandiosen Musik gab es viel Wissenswertes in der Show. Andrade berichtete von den arabisch-, jüdisch- und romageprägten Einflüssen und von der Entstehung des Flamenco in Andalusien und der Extremadura. “Man trifft sich und singt über seine Gefühle”, erläuterte Andrade. “Es ist wie eine Gruppentherapie.”

Höchstmaß körperlicher Disziplin

Damit auch das Publikum in Lich den Flamenco verstehen und mit ihm eins werden kann, hatte Andrade diesmal seine Kompagnie mitgebracht, deren Mitglieder er als “Kleinode” und “Juwelen” bezeichnet: Sängerin Sonia Cortez, Jose Galvañ (Tanz) und allen voran Solistin Ursula Moreno ernteten viel Applaus. Vor allem Tänzerin Moreno führte den Zuschauern wunderbar all die Eleganz des Flamenco vor Augen. Sie füllte die schwer zu tanzenden Mischrhythmen, bei denen es vor allem auf die Disziplin des Körpers ankommt, mit Leben. Ganz leicht ließ sie den Tanz mit Kastagnetten und Schleppenkleid bei “Caña” aussehen – eine grandiose Leistung, für die sie beim Nationalwettbewerb von Ronda prämiert wurde.

Die Kompagnie ist weltweit unterwegs, im Januar geht es für Andrade nach Bangalore. Dort wird er mit indischen Tänzerinnen zusammenarbeiten. Und dann ist da noch das eigene Flamenco-Theater in Madrid. Sicherlich wird er auch wieder in Lich vorbeischauen.

Derbe Frankfurter, fiese Gießener

Premierenlesung im Kino Traumstern: Charly Wellers neuer Krimi “Gallus” führt von der Bankenmetropole bis Mittelhessen.

Von Petra Zielinski
Schickt seinen Kommissar Worstedt diesmal ins raue Frankfurt: Krimiautor Charly Weller. Foto: Zielinski

Schickt seinen Kommissar Worstedt diesmal ins raue Frankfurt: Krimiautor Charly Weller. Foto: Zielinski

LICH – High Noon im Licher Kino Traumstern. Wo sonst zumeist Filme über die Leinwand flimmern, stehen nun ein Stuhl und ein Tisch, darauf eine grüne Lampe. Totenstill ist es im Saal, bis Charly Weller die Bühne betritt, ein Buch in der Hand: seinen neuen Kriminalroman mit dem Titel “Gallus”.
“Wer hat den Herren im Waschbärenkostüm getötet?” Darum dreht sich alles im gewohnt milieugetreu geschilderten, mit skurrilen Figuren bevölker-ten Thriller. “Ich schreibe keine lustigen Krimis”, nimmt Weller gleich vorweg. Dass der ein oder andere Zuhörer bei der Premierenlesung aber doch schmunzeln muss, liegt am unvergleichlichen Erzählstil des 68-Jährigen.
Da ist beispielsweise vom “abgewichsten Kaisersack-Adonis”, vom “amtlichen Schiss”, “einer Premium-Pussy namens Reinhild”, “Himbeer-Tony” und “Grün-Weiß Nordend” (eine Bezeichnung für die “Bullen”) die Rede. Und obwohl Charly Weller im Nachwort seines Buches schreibt, dass Handlung und Personen frei erfunden sind, lehnen sich doch einige an reale Menschen an. So hat er eine drogensüchtige Prostituierte, die wie Reinhild im Buch Geschichten und Gedichte schreibt, in einer Dokumentation entdeckt. Zum Schreiben gehört für Weller also nicht nur Fantasie, sondern auch offene Augen und Ohren.
Die Orte freilich sind – zur Freude der Fans – real. “Ich schaue mir immer die Orte an, die in meinen Geschichten wichtig sind”, berichtet der langjährige Filmregisseur. “Wenn ich über Dinge schreibe, die ich kenne, bin ich immer auf der sicheren Seite.” Gleich zu Beginn des Buches geht beispielsweise Pia, deren Mann Lothar im Sterben liegt, mit ihrem Hund Rocco am Mainufer nahe der Rudergesellschaft Borussia spazieren. Und schon bald spielt auch Gießen eine Rolle, denn der im Park der Frankenallee im Frankfurter Gallusviertel gefundene Tote hat die Einladung zu einer Feier des Liebig-Museums in Gießen dabei.
An dieser Stelle treten der fleißigen Weller-Lesern längst ans Herz gewachsene Kommissar Roman Worstedt – hinter seinem Rücken despektierlich “Worschtfett” genannt – und seine Kollegin Regina Maritz auf den Plan, die im Laufe ihrer Ermittlungen durch die Universitätsstadt und die “Frankfurter Bronx” unter anderem auch den dunk-len Machenschaften der Gießener Obrigkeit auf die Spur kommen.
Dunkle Machenschaften
Der 1951 in Marburg geborene und in Gießen und Wetzlar aufgewachsene Charly Weller las verschiedene Kapitel seines mittlerweile sechsten Krimis um das Ermittlerduo vor, ohne dass ein klarer Zusammenhang zwischen den Erzählsträngen erkennbar war. “Wenn Sie wissen wollen, wie das alles zusammenhängt, müssen Sie das Buch lesen”, machte er die Zuhörer neugierig.
Wurde der Tote im Waschbärenkostüm mit der Waffe ermordet, die der Fahrer eines weißen SUVs am Anfang der Geschichte in den Main wirft? Was weiß die 52-jährige Prostituierte? Und was hat der Licher Lehrer Klaus Volkmann mit der ganzen Sache zu tun? Bei Volkmann handelt es sich um einen Tierschützer, der gemeinsam mit seiner Frau eine Auffangstation betreibt und mit der örtlichen Jägervereinigung im Clinch liegt. Angeblich wurden zwei seiner Waschbären brutal ermordet. Als die ermittelnde Polizei “die Totenruhe von Mona und Lisa” stört, in dem sie das Grab öffnet, befindet sich nur ein Waschbär darin. An dieser Stelle wechselt dann die Polizei den Tonfall – und in den “Klartextmodus”.
Besonders abgefahren wird es, als ein Filzballen gefunden wird, aus dem nur die Beine eines, wie sich später heraus-stellt, geknebelten, Mannes heraus-schauen. Angeblich hätten ihn “vier kleine Negerlein” eingewickelt und auf der Straße ausgesetzt. Einmal mehr fragt sich Kommissar Worstedt: “Warum habe ich nicht einen anständigen Beruf gelernt?” Denn die Situation ist nicht mehr nur prekär, sie ist “Scheiße hoch drei”.
Nach der Lesung lautete dann folgerichtig die Frage, woher Charly Weller seine Ideen nimmt. Beim Mord ließ er sich durch Bilder von Menschen, die in Waschbärenkostümen demonstriert haben, inspirieren. “Alles was ich zugetragen bekomme, geht durch einen Filter”, erklärte er. “Man muss genau schauen, was wichtig für die Entwicklung einer Geschichte ist. Wenn im dritten Akt ein Schuss fällt, muss im ersten Akt ein Gewehr von der Wand genommen worden sein”, zitierte er Anton Tschechow.
Gefragt nach seinem neuesten Projekt, gab Weller preis, dass sich sein nächster Krimi an den “Ricconelly-Mord” in Gießen anlehne, aber eine fiktive Geschichte bleibe. “Ein Buch anfangen, das ist immer ein wenig, wie nach Amerika schwimmen”, scherzte er.

„Halva“ begeistert in der Bezalel-Synagoge mit viel Innovationsfreude

Ein ungewöhnlich großes Publikum lauschte am Samstag in der Bezalel-Synagoge dem Konzert der Gruppe „Halva“. Das Sextett überraschte mit eigenen Titeln, höchstem Niveau und exzeptioneller Spielfreude.

Von Heiner Schultz
V.l.: Antje Taubert, Nicolaas Cottenie, Alina Bauer, Eline Duerinck, Ira Shiran und Robbe Kieckens. Foto: Schultz

V.l.: Antje Taubert, Nicolaas Cottenie, Alina Bauer, Eline Duerinck, Ira Shiran und Robbe Kieckens. (Foto: Schultz)

LICH – Ein ungewöhnlich großes Publikum lauschte am Samstag in der Bezalel-Synagoge dem Konzert der Gruppe „Halva“. Das Sextett überraschte sein Publikum mit einem Programm eigener Titel, die sie auf höchstem Niveau und mit exzeptioneller Spielfreude ablieferten. Neben der handwerklichen Güte nahm das Ensemble vor allem mit herrlicher Innovationsfreude für sich ein: Klezmer auf dem Stand der Zeit.
Das haben sie sich auf die Fahnen geschrieben: Nicolaas Cottenie (Belgien, Geige), Alina Bauer (Deutschland, Geige), Eline Duerinck (Belgien, Cello), Antje Taubert (Deutschland, (Klarinette), Robbe Kieckens (Belgien, Perkussion) und Ira Shiran (Israel, Akkordeon).
Aber erstmal legen sie mit „Turns out it’s a sher“ richtig los und bringen einen heftigen musikalischen Wind ins Kulturzentrum. Die sämtlich unverstärkten Instrumente klingen hier mit einer wunderbar natürlichen Klarheit, allein das sorgt schon für ein angenehmes Konzerterlebnis; keine Nuance geht verloren – und davon hat es viele an diesem Abend.
Doch zunächst ergreift eine profunde Überraschung den Zuhörer: alles ist Klezmer, klar, aber es ist auch alles ein bisschen anders. Nicht nur agiert die Band mit enormer Geschlossenheit, neben den klassischen Elementen des Klezmer, souverän ausgeführt, hört man immer wieder ungewohnte, jazzige Töne. Die kümmern sich nicht ums traditionelle hörmäßige Wohlbefinden, wie etwa „Frelex + looks like“. Und in „It’s more East“ herrscht vor allem ein schwungvolles tänzerisches Wiegen, Tauberts Klarinette saust schwungvoll über allem.
In „Desert moon“ hört man ein Kernelement der Band, eine virtuose Kooperation, ja eine Verschmelzung der ersten und der zweiten Geige. Cottenie und Bauer lassen da ihre Stimmen zusammenwachsen zu einer grundlegenden Fläche von großer Schönheit, perkussiv ergänzt, Klarinette und Cello tragen die Melodie, dann übernimmt sie das Akkordeon und man geht mit allen gemeinsam in ein fetziges Thema über, wird wilder und kommt zu einem überragend prägnanten Abschluss. Ein Glanzlicht reinster Güte und größter Geschlossenheit, das Publikum ist hingerissen, und der Beifall dauert schon von Anfang an doppelt so lange wie üblich.
Apropos: Gewöhnlich wird Klezmer mit Schwerpunkt auf den Tanz interpretiert, durchaus schwungvoll und musikalisch, aber meist ohne inhaltlichen Anspruch, was schon zu so manchem drögen Musikabend führte, auch in diesem schlecht geheizten Saal.
Nichts davon betrifft Halva. Es „fliegt eine Rakete zum Mond“, skizziert Cottenie die Inspiration zu „Desert moon“, das von einem sanften Groove geprägt ist. Er intoniert er die Geige wie eine elektrische Leadgitarre und zeigt sich als herausragender Instrumentalist. Alle Mitwirkenden agieren mit herausragender Konstruktivität und Sensibilität. Immer wieder werden die vertrauten Strukturen in Richtung Jazz aufgebrochen, Rhythmuswechsel bringen Frischluft ins Geschehen. Besonders segensreich in dieser exzellenten Band bringt sich Robbe Kieckens mit seiner intuitiv sensiblen, hoch musikalischen Perkussion ein, die das Spektrum wohlbalanciert abrundet. So wird aus dem Klezmer etwas ganz anderes, viel langsamer und wunderschön. Einige Wechsel zum Trio lockern das Geschehen zusätzlich auf.
Auffällig sind auch die kompositorischen Feinheiten, wenn Akkorde aus mehreren Instrumentalstimmen zusammengesetzt werden, was zu Momenten wahrer, großer Schönheit führt. Es herrscht eine beglückende formale und klangliche Vielfalt, es wird ohne jede handwerkliche Einschränkung musiziert, einfach himmlisch. Zuweilen besucht man neugierig die Grenzbereiche von Genre und Instrumenten. Die Arrangements sind insgesamt äußerst stimmig, und Halva führen den Zuhörer und den Klezmer in eine ganz neue Region; er hatte es nötig.
Nicolaas Cottenie ist dabei, das Genre Klezmer zu modernisieren, und er hat mit diesem Ensemble auch genau die richtigen Wegbegleiter gefunden: ein sensationelles Unterfangen und ein herausragendes Konzert. Endloser Beifall.

KAPELLCHEN SCHELLACK die kleinste Kapelle Frankfurts

Großartig – danke an alle die da waren.

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KAPELLCHEN SCHELLACK die kleinste Kapelle Frankfurts war gestern zur Eröffnung der Veranstaltungseihe 9. November 1938 – Erinnerungskultur in Lich, Kulturzentrum Bezalel Synagoge

Zeitzeuge gibt intensive Einblicke – Erinnerungskultur

Staatsanwalt Gerhard Wiese mit Moderatorin Anika Wagner.
Staatsanwalt Gerhard Wiese mit Moderatorin Anika Wagner.
  • vonSascha Jouini

Lich (jou). Viel zu berichten hatte der 91-jährige Zeitzeuge Gerhard Wiese am Sonntag im ausverkauften Kino Traumstern im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 9. November 1938. Die Erinnerungen des Staatsanwaltes flossen ein in Giulio Ricciarellis Film “Im Labyrinth des Schweigens” (2014) über die deutsche Vergangenheitsbewältigung Mitte der 1960er Jahre. Moderatorin und Traumstern-Mitarbeiterin Anika Wagner hatte Wiese durch Isabel Gathofs im kommenden Jahr erscheinenden Dokumentarfilm “Fritz Bauers Erbe. Die NS-Prozesse im Spiegel der Zeit” kennengelernt. Wiese und zwei weitere Frankfurter Staatsanwälte, die Anklage gegen Nationalsozialisten erhoben hatten, werden in Ricciarellis Spielfilm zur fiktiven, von Alexander Fehling verkörperten Figur Johann Radmann. Das Drama beleuchtet die Auschwitz-Prozesse und verdeutlicht, in welchem Maße die mutigen Juristen auf Widerstand stoßen.

Wiese hielt es zunächst für unmöglich, dass eine Münchner Produktionsfirma einen Film zu Auschwitz dreht, ehe sich die Pläne konkretisierten und er dem Team “an einem langen, interessanten Abend” alle Fragen beantwortete. Gedreht worden sei in Bayern und Hessen; bei den in Höchst spielenden Frankfurter Szenen habe er intensive Einblicke in die Dreharbeiten gewonnen.

Nach dem zweiten Staatsexamen hatte sich Wiese bei der Justiz beworben und fing 1960 bei der Fuldaer Staatsanwaltschaft an, ehe er über Zwischenstationen nach Frankfurt gelangte. Generalstaatsanwalt Fritz Bauer habe “voller Ideen und Pläne” gesteckt und wollte den juristischen Nachwuchs fördern, lobte er seinen einstigen Vorgesetzten.

Von den Konzentrationslagern habe er erstmals in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gehört, konnte sich damals allerdings nicht vorstellen, dass Deutsche derartige Gräueltaten anrichten können, ehe er von der Wirklichkeit eingeholt wurde, räumte Wiese ein. Während der Arbeit an der Anklageschrift gegen die NS-Verbrecher Wilhelm Boger und Oswald Kaduk bedrückte es ihn sehr, sich täglich mit Mord und Totschlag auseinanderzusetzen. Die Zeugen seien nach 1945 erstmals nach Deutschland gekommen und hätten sich überwinden müssen, über traumatische Erlebnisse zu sprechen.

Schockieren ließ Wieses Schilderung des Schicksals einer Familie mit Zwillingstöchtern, die menschenverachtenden Experimenten des Arztes Josef Mengele zum Opfer fielen; die Geschichte wird im Spielfilm eindringlich thematisiert. Wiese reiste im Dezember 1964 mit Kollegen nach Auschwitz, um Zeugenaussagen auf ihre Plausibilität zu überprüfen. Die Schwierigkeit lag darin, einen engen Zeitrahmen einzuhalten – die Verhandlung durfte nur für höchstens zehn Tage unterbrochen werden.

Genaues Erinnerungsvermögen

Mit genauem Erinnerungsvermögen ging Wiese auf das Revisionsverfahren und weitere Prozesse ein. Dass die Aufarbeitung der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland schleppend verlief, führte er auf die nicht besonders große Neigung des Volkes zurück, für das es wichtiger schien, den Hunger zu stillen, Arbeit zu finden und den Ehemann aus der Kriegsgefangenschaft zurückzubekommen. Zum anderen hätten die Deutschen den Eindruck gewonnen, von den Alliierten bei der juristischen Auseinandersetzung die Arbeit abgenommen bekommen zu haben. Wiese wertete den größten Nachkriegsprozess als Erfolg. Bauer habe sein Ziel erreicht: Niemand könne mehr die Verbrechen der Nationalsozialisten leugnen. Gegen Dummheit sei freilich “kein Kraut gewachsen”.

Emese Sarolta Benz – Pressestimmen zur Ausstellung “Faces”

Gießener Anzeiger

Das Gesicht als Maske

Im Rahmen der Licher Veranstaltungsreihe zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 lädt die gebürtige ungarische Malerin Emese Sarolta Benz Kunstliebhaber und Interessierte zu ihrer Ausstellung mit dem Thema “Faces” (Gesichter) in die Licher Kinokneipe “Statt Gießen” ein. Von rrs

Emese Sarolta Benz vor einem ihrer ausgestellten Bilder Foto: Rose-Rita Schäfer

Emese Sarolta Benz vor einem ihrer ausgestellten Bilder                  Foto: Rose-Rita Schäfer

LICH – Lich liebt seine mittlerweile weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Kulturprogramme. Da gibt es im Frühjahr die Licher Kulturtage, im Spätsommer “Kunst in Licher Scheunen” und aktuell läuft wieder die Veranstaltungsreihe zur Reichspogromnacht am 9. November 1938. Mit Musik, Filmen, Ausstellungen, Mahnwachen und Gesprächen soll die Erinnerungskultur an die NS-Zeit wach gehalten werden. Im Rahmen dieses engagierten und vielseitigen Programms lädt die gebürtige ungarische Malerin Emese Sarolta Benz Kunstliebhaber und Interessierte zu ihrer Ausstellung mit dem Thema “Faces” (Gesichter) in die Licher Kinokneipe “Statt Gießen” ein.
Zu sehen gibt es bildfüllende, in Acryl gemalte Gesichter aus aller Welt, die sich wie Puzzleteile zusammensetzen. Die Gesichter sind nie ganz zu sehen, nur Teile werden realitätsnah dargestellt. Der Rest zerfließt in kleinen bunten Teilen. “Wenn man einen Menschen kennenlernen will, muss man nicht sein komplettes Gesicht sehen”, beschreibt Benz ihre Malweise und führt weiter aus: “Jeder von uns hat viele Gesichter, traurig, fröhlich, ernsthaft, müde. Zu jeder Stimmung und jedem inneren Gefühl gibt es einen Gesichtsausdruck.”
Für Benz ist das Gesicht eine Maske, die mit jeder Situation wechselt. Wichtig sind ihr alleine die Augen. Die leben und sprechen zu uns. “Wenn man den Menschen in die Augen sieht, weiß man, was sie bewegt”, erklärt Benz ihre Sichtweise, die sie in ihren Bildern einzufangen versucht. Sie malt fast ausschließlich diese verfremdeten Portraits, weil sie das Lebendige liebt. Tote Dinge wie Landschaften oder auch Blumen haben für sie beim Malen wenig bis gar keinen Reiz.
Die Gesichter zum Porträtieren findet sie bei vorübergehenden Menschen, bei Veranstaltungen oder im Internet, Modell sitzen muss da niemand.
Benz wurde 1980 als Tochter eines Holzschnitzermeisters in Ungarn geboren. Ihr Vater zeichnete viel mit Grafit und auch ihre Geschwister waren künstlerisch tätig, sodass ihr die Liebe zur Kunst quasi mit in die Wiege gelegt wurde. Im Kindesalter malte sie gerne und viel, das schlief aber leider dann mit Studium, Beruf und Familie aus Zeitmangel ein. Sie studierte Jura und arbeitete viele Jahre als Finanz Controller in der Industrie.
In Ungarn lernte sie ihren Ehemann Stefan, einen Deutschen, kennen und lieben und siedelte mit ihm aus Job-Gründen 2017 nach Deutschland über. Seit 2018 lebt sie nun in Lich und fühlt sich hier zu Hause. Ihre Tage sind ausgefüllt mit dem Erlernen der deutschen Sprache, und da sie noch keine passende Arbeitsstelle gefunden hat, hat sie endlich wieder Zeit, sich der Kunst zu widmen.
Zunächst fing sie an, kleinere Bilder für das Büro ihres Ehemanns zu malen. Die Bilder gefielen so gut, dass ihr Ehemann eine erste Ausstellung in Lollar organisierte. Dann kam mit Ghimay Habton, dem Besitzer des Kultur-Restaurants “Savanne” die große Wende in ihrem Künstlerleben. Nach dem Vorschlag von Habton füllte sie nun große Leinwände mit den für sie so charakteristischen Portraits und stellt ihr Gemälde während “Kunst in Licher Scheunen” in der “Savanne” aus. Langsam wurde sie so zum “Geheimtipp” der Licher Künstlerszene.
Karla Katja Leisen, Vorsitzende “künstLich e.V.”, eröffnete die Vernissage mit den Worten: “In den gezeigten Bildern blicken Gesichter und Augen über Grenzen und Nationen hinaus in die Welt, und in jedem Augenpaar ist etwas zu finden, was mit uns zu tun hat”. Anschließend brachte Ehemann Stefan Benz an der Gitarre zusammen mit seiner Schwester und Nichte (beide Gesang) den Beat in die Kinokneipe mit “Son of a preacher man” und “Valerie Lyrics”.
Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Dezember jeweils Sonntags von 10 bis 14 Uhr und 17.30 bis 00.30 Uhr sowie an allen anderen Tagen von 18 bis 1 Uhr zu sehen.
Gießener Allgemeine
"Ich möchte meinen Bildern Leben, Seele und Charakter geben", sagt Emese Sarolta Benz.
“Ich möchte meinen Bildern Leben, Seele und Charakter geben”, sagt Emese Sarolta Benz. © Nastasja Becker

Blicke in Gesichter und Emotionen

Die Künstlerin Emese Sarolta Benz stellt seit Donnerstag großformatige Gemälde in Lich aus. In jedem Augenpaar der Porträts in ihren Werken “können wir etwas finden, was mit uns zu tun hat”, hieß es während der Vernissage in einer Würdigung

Es sind Gesichter, die Emese Sarolta Benz begeistern und in ihrer Malerei dominieren. Einen Einblick in ihre großformatigen Werke kann man seit Donnerstag unter dem Titel “Faces” in der Kinokneipe “Statt Giessen” gewinnen. Es sind ausdrucksstarke Portraits, die die gebürtige Ungarin seit Kurzem in ihrer neuen Wahlheimat Lich anfertigt.

“Ich möchte meinen Bildern Leben, Seele und Charakter geben”, sagt Benz. Daher male sie auch keine Landschaften, sondern Lebendiges. “Mit Augen und Gesichtern zeigen Menschen viele Momente und Gefühle”, erklärt sie ihre Vorliebe. Ihre Werke heißen “Rückblick”, “Kindheit”, “Kalte Magie” oder “Wer bist du?”. Benz kombiniert dabei Portraits mit abstrakten Elementen. Es sind keine detailgetreuen Abbilder von Gesichtern, noch nicht einmal echte Personen, sondern vielmehr symbolische Masken, die eine Gefühlslage wiedergeben. Die Augen seien für sie in Gemälden besonders wichtig, sagt Benz.

Vor zwei Jahren kam die Ungarin zusammen mit ihrem deutschen Ehemann Stefan und den beiden jugendlichen Söhnen nach Deutschland. Zunächst lebten sie in Staufenberg und nun seit einem Jahr in Lich. Die Schau im “Statt Giessen” bündelt nun die Kunst, die sie in den vergangenen beiden Jahren anfertigte.

Augen blicken über Grenzen hinaus

Die Liebe zur Kunst hat Benz von ihrem Vater, der Holzschnitzermeister war, gelernt. Und schon in jungen Jahren hat sie im Kinderzimmer fleißig gemalt. Später studierte sie Jura-Management und arbeitete als Finanz-Controller in der Industrie. Für die Kunst blieb wenig Zeit. Der Umzug nach Deutschland schaffte diesen Freiraum und schon im vergangenen Jahr konnte man bei “Kunst in Licher Scheunen” die erste Werke im Restaurant “Savanne” sehen.

Die Ausstellung in der Kinokneipe, bei der Benz’ Ehemann sie zusammen mit seiner Schwester mit einer gesanglichen Einlage überraschte, findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur Pogromnacht am 9. November 1938 statt. Mit Blick auf die Erinnerungskultur würdigt Karla Katja Leisen vom Verein KünstLich Benz’ Werke: “Hier finden wir Augen, die über die Grenzen und Nationen hinausblicken. In jedem Augenpaar können wir aber auch etwas finden, was mit uns zu tun hat.” (Foto: nab)

 

 

ERINNERUNGSKULTUR Veranstaltungsreihe zum „9. November 1938“

In diesem Jahr möchten wir die Veranstaltungsreihe zum Gedenken an den „9. November 1938“ wieder aufleben lassen – eine Erinnerungskultur mit Momenten der Begegnung, der Aufklärung, aber auch des Erzählens, Feierns und musikalischen Reisens.

Wir haben die Hoffnung, dass eine lebendige Erinnerungskultur die Augen und Herzen aller Menschen öffnet und es aufhört, dass sich Menschen über Menschen stellen, egal aus welchen Gründen.

Samstag, 2. November 2019 ERÖFFNUNG der Veranstaltungsreihe „9.November 1938“    20:00Uhr KAPELLCHEN SCHELLACK Eine kleine Sehnsucht I Konzert I Eintritt: 15€/13€ I Kulturzentrum Bezalel Synagoge

Donnerstag, 7. November 2019 19:30 Uhr Ausstellungseröffnung EMESE SAROLTA BENZ – FACES I Kunst I Eintritt frei I Kinokneipe Statt Gießen

Samstag, 9. November 2019 18:00 Uhr Andacht mit Pfr. Lutz Neumeier II 18:40 Uhr Mahnwache am Denkmal vor der Kirche II 19:30 Uhr Kolnidre – Synagogal Musik für Violine und Orgel (Christoph Becker und Marina Sagorski) I Evangelische Marienstiftskirche, Am Wall 24

Sonntag, 10.November 2019 12:00Uhr Matinèe – Film IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS (2014) Regie: Giulio Ricciarelli, 123 Min. Gast: Gerhard Wiese, *1928 in Berlin, ist deutscher Jurist. Moderation: Anika Wagner II Film und Gespräch I Eintritt: 8€ I Kino Traumstern

Montag, 11. November 2019 18:30 – 20:45Uhr DAS JUDENTUM Kultur – Religion – Traditionen und Bräuche Der Kurs wird geleitet vom Rabbiner Dani Danieli.  Montags, ab 11. Nov. 2019, 18.30-20.45 Uhr, 3 Termine II 34,50 € bei 6-7 Tn 24,50 € bei 8-9 Tn Anmeldung bis 01. Nov. 2019 unter www.vhs-kreis-giessen.de Tel. 0641/ 9390-5700 vhs Kurs I Ev. Marienstiftsgemeinde, kleiner Saal, Am Wall 24

Samstag, 16. November 2019 19:30 Uhr HALVA – The Sweetest Klezmer Orchestra I Konzert I Eintritt: 18€/16€ I Kulturzentrum Bezalel Synagoge

Sonntag, 17. Nov 2019 11:00 Uhr ERINNERUNGSGANG mit Doris Nusko II Anfang: Oberstadt/Ziegelgasse II Endpunkt: Kulturzentrum Bezalel Synagoge

Donnerstag, 21. November 2019 19:30 Uhr OLIVER STELLER spricht und singt Kurt Tucholsky „Lieder und Texte“ Gedichte – Briefe – Leben _ Das Ergebnis: Ein unvergesslicher Abend, nicht nur für Literaturliebhaber II Eintritt: 17€/15€ I Kulturzentrum Bezalel Synagoge

Sonntag, 24. November 2019 19:00 Uhr Musik aus der Stille – Gong Konzert mit SUKAwave Konzert I Eintritt: 15€/13€ I Kulturzentum Bezalel Synagoge

Freitag, 29. Nov 2019 19:30 Uhr LEONARD COHEN – jüdischer Poet und Sänger: Seine Songs, sein Leben” Der Sänger, Sprecher und Philosoph Sven Görtz singt und beleuchtet Hintergründe im Werk von Leonard Cohen I Konzert I Eintritt: 17 €/Schüler*Studis 8 € I Kulturzentum Bezalel Synagoge

Sonntag, 1. Dezember 2019 17:00 – 20:00 Uhr GOSPEL, BLUES und JAZZ – IM DRITTEN REICH VERBOTEN Chorleitung: Colenton Freeman, Vortrag: Detmar Hönle II Veranstalter: Forum für Völkerverständigung Lich e.V. und Ausländerbeirat des Landkreises Gießen – Workshop Anmeldung: 06404-1331

20:00 Uhr Vortrag und Konzert I Eintritt frei I Kulturzentrum Bezalel Synagoge

Mittwoch, 18. Dezember 2019 17:00 – 20:00 Uhr ABEND DER BEGEGNUNG Veranstaltung vor der Stolpersteinverlegung II Erinnern, Spurensuche, Fragen…. Begegnung von Licher Bürger/innen und Schüler/innen der DBS mit angereisten Nachfahren II AG Stolpersteingruppe I Kulturzentrum Bezalel-Synagoge

Donnerstag, 19. Dezember 2019 13:00Uhr Stolpersteinverlegung in Lich Vor 4 Häusern in der Oberstadt werden von dem Künstler Gunter Demnig Stolpersteine verlegt. In einer kurzen Zeremonie wird an die Schicksale von 14 jüdischen Menschen in Lich erinnert. Angereiste Nachfahren werden teilnehmen.

Komplettes Programm finden SIe an allen öffentLichen Stellen: Rathaus, Bürgerbüro, Stadtbibiliothek, Ev. Marienstiftsgemeinde, vhs, Kino Traumstern… anfragen können Sie gerne bei uns unter: info@kuenstlich-ev.de

Wie aus einer anderen Sphäre

Golfam Khayam (Gitarre) und Mona Matbou Riahi (Klarinette) lassen Jazz, Ethno, Klassik und Weisen aus dem Orient zu einer wunderbaren Mischung verschmelzen.

Lich (usw). Als Volltreffer erwies sich auch das dritte Konzert der Festivalreihe “SommerMusikWelten”: Das iranische Naqsh-Duo hinterließ mit seiner improvisiert wirkenden Mischung aus Weltmusik, Jazz und anderen Elementen einen ausgezeichneten Eindruck. Die perfekte Handwerklichkeit und virtuose Ausführung entführten das Publikum in einen musikalischen Traum. “Es wird keine Pause geben”, sagte Susanne Ines Schmidt von “KünstLich” zur Begrüßung und: “Dieses wundervolle Duo lädt Sie ein zu einer intensiven Reise. Es wird Tränen geben, Streit, einen Ausbruch und noch mehr.”

Virtuoser Umgang mit der Stille

Golfam Khayam (Gitarre) und Mona Matbou Riahi (*1990, Klarinette) stammen beide aus Teheran und verfügen über eine umfangreiche klassische akademische Musikausbildung. Ihr Debütalbum “Narrante” erschien bei ECM, Produzenten sind Manfred Eicher und Ramin Sadighi.

Es war schummrig im Saal, man konnte die Künstlerinnen nicht so genau erkennen. Die beiden Frauen selbst brauchten auch nicht viel Licht, sie verbrachten den größten Teil ihrer Reise mit geschlossenen Augen. Langsam, zart, fast andächtig ertönte die Gitarre, und die Klarinette sinnierte ein bisschen dazu. Riahi spielte hierbei zwei Klarinetten, die eine nur mit Oberteil, was einem plötzlichen dynamischen Höhepunkt zugutekommt, den sie bald setzt.

Das Programm ist in etwa sechs Akte unterteilt, deren Pausen sie zum Nachstimmen und einer kurzen Neubesinnung nutzten. Nach dem ersten Teil applaudierten die Zuhörer, respektvoll und nicht besonders laut; danach herrschte in den Pausen nur noch Stille. Die erfasste schnell den ganzen Saal, die Hörer hatten schnell verstanden und fügten sich ganz still ins Geschehen.

Die Reise führte durch eine enorme Anzahl musikalischer Welten. Khayam verfügt über alle Mittel der klassischen Gitarre, verwendete komplizierte Griffe, vertrackte Rhythmen und filigranste Tongebungen. Riahi nutzte auf der Klarinette auch die Grenzerfahrungen der Klanggebung, klapperte mit den Tasten wie im Freejazz, überblies mal und hielt einen Lauf über eine längere Zeit durch Zirkularatmung. Die meisten Titel sind komplett durchkomponiert, obwohl man glauben konnte, einer virtuosen Improvisation beizuwohnen. Jazz, Ethno, Klassik und verschiedene Weisen aus dem Orient flossen hier zusammen zu einem Musikerlebnis, das ebenso unerhört intensiv war, wie es den Hörer spürbar zu sich selbst führte.

Virtuos war der Umgang mit der Stille, in der etwa ein Flageolett versank oder ein gemeinsamer Akkord, dazu Arpeggien, Ostinati oder Grenzgeräusche auf der Klarinette – das Duo Naqsh beherrscht alle Klangelemente virtuos, und dabei ist nichts spekulativ, alles erwächst aus dem faszinierenden seelischen Gleichklang der beiden Frauen. Es war ein Musikereignis der Sonderklasse, niemand im Saal hatte so etwas je gehört oder vielmehr erlebt. “Es war eine besondere Energie in diesem Saal und mit diesem Publikum, es war ein wunderbares Erlebnis”, verabschiedete sich Khayam.

“Gypsy Fire” brennen Feuerwerk ab

Melanie Bong und Lulo Reinhard mit “Gypsy Fire” im Kino Traumstern.

Lich (usw). Mit “Gypsy Fire” setzte das Duo Melanie Bong und Lulo Reinhardt am Donnerstag ein Ausrufezeichen im Kino Traumstern. Die Münchner Jazzsängerin und der Koblenzer Gypsy-Gitarrist lieferten mit ihrem Quintett eine glänzende Leistung auf höchstem Niveau ab und erfreuten das geneigte Publikum nachhaltig.

Reinhardt, dessen neue CD “Gypsy Meets India” den Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2019 errang, ist dem Publikum in der Region von vielen Auftritten her bestens vertraut; Melanie Bong gilt als eine der besten Jazzsängerinnen der Branche.

Eine Mischung aus Jazz, Pop und lateinamerikanischen Klängen war angesagt, der Großteil der Songs stammte aus der Feder der Sängerin, ein paar kamen von Reinhardt. Das Ensemble mit Tizian Jost am Klavier, Eduardo “Dudu” Penz am Bass und Schlagzeuger Bastian Jütte ging umgehend daran, höchste Erwartungen zu erfüllen. Mit “Gypsy Fire” zeigte Bong sogleich ihr herausragendes Format und nahm mit ihrer Stimme die Besucher gefangen.

Es ging auch poppiger in “A sleepless night”. In “My heart’s still yours”, sanft funky und mit funkelnden Jazz-Farben, setzte Reinhard im Solo erstmals deutliche Gypsy-Akzente. Anschließend stellte er einen im indischen Duktus (“Gypsy meets India”) gestalteten Titel vor, den er solo begann. Bald gesellte sich Pianist Jost improvisatorisch hinzu und ergänzte die Sache um enorm einfühlsame kongeniale Beiträge, jazzig, aber ganz ruhig, während Reinhardt poetisch-meditative Vokalpassagen sang.

Jost erwies sich als herausragender Könner, der intuitiv und präzise zugleich begleitende Ergänzungen dazustellte, die sein volles Engagement zeigten. Stilistisch war das unbegrenzt offen und sagenhaft prägnant. Bassist Penz brabbelte und sang zu seinem sechssaitigen Spiel öfters etwas dazu und fand eine geniale Balance zwischen solistischen Elementen und saftigem, differenziertem Bass. Schlagzeuger Jütte glänzte mit makelloser Präzision. So schwang man durch eine sinnliche Abfolge von Pop, Bossa, Blues und indischen Klängen. Bongs Gesang erstaunte die Besucher. Sie verfügt über eine Tiefe des Ausdrucks, die ihresgleichen in den höchsten Rängen des Jazzgesangs findet. Zugleich macht sie auch schon mal Spaß mit der Stimme (“Gypsy trail”) und genoss ansonsten sichtlich die Begleitung ihrer hochkarätigen Kollegen. Ein bemerkenswertes Konzert mit einer großen Jazzsängerin. Nicht erst am Ende enormer Beifall.

 

 

Ein Gefühl von “Buena Viesta” – CONEXIÒN CUBANA – Eröffnung der SommerMusikWelten 2019

Gießener Allgemeine Zeitung MI 11.09.2019

Ein Gefühl von “Buena Vista”

Lich (usw). “SommerMusikWelten” heißt durchaus etwas grandios das jährliche Musikfestival, das “KünstLich” in Kooperation mit dem “Kultursommer Mittelhessen” veranstaltet. Zum diesjährigen Auftakt sollte es ein richtiger Paukenschlag sein, und so bat man die international renommierte Formation “Conexión Cubana” um ein Gastspiel. Eine glänzende Idee, zeigte sich am Mittwochabend im restlos ausverkauften Kino “Traumstern”. Die kubanischen Profis erwiesen sich nicht nur als Meister ihres Fachs, sondern auch als unwiderstehliche, zauberhafte Charmeure: herrlich.

Mit einer bisweilen sogar enthusiastischen Spielfreude bestachen diese Musiker: Nicolás Alberto Sirgado Llanes (Bandleader, Bass und Vocals), William Borrego (Vocals, Posaune), Heber Alberto Méndez Gómez (Piano), Lázaro Amauri Oviedo Dilout (“El Professor”, Trompete, Vocals), Carlos Querol Aldana (Tres und Vocals), Alexander “El Vivo” García Barrera (Perkussion und Vocals) und last not least Fabián Sirgado Pérez (Perkussion und Vocals).

Los ging es mit dem Titelsong der CD “La Maravilla” und einem definitiven “Buena Vista”-Gefühl. Schon hier zeigten sich die enormen Qualitäten der Band. Mit strahlendem, felsenfestem Satzgesang (bis zu fünf Stimmen) und einem sanften, aber unwiderstehlichen Groove swingten sich die Kubaner mühelos ins Ohr des Publikums.

Der transparente Klang ließ die akustische Vielfalt eindrucksvoll wirken, das Piano lieferte die charakteristische rhythmische Begleitung, zuweilen einen jazzig orientierten Zusatzbeitrag.

Viel Bewegung vor der Bühne

An Fantasie mangelte es den Gästen nie, nach einer Weile bemerkte man im wunderbar runden Gesamtklang zahlreiche kleine rhythmische Variationen, lässige Verlangsamungen etwa – die Kubaner wissen, was “laid back” bedeutet. Die langjährige gemeinsame Erfahrung (zwölf Jahre insgesamt, sieben davon ohne Unterbrechung, bisher 14 CD-Veröffentlichungen), ließ sie in einem zuweilen trägen, sehr sinnlichen Stil musizieren, aus dem sie eine famose Präzision in jeder Hinsicht schöpften.

Heraus ragte neben den beiden Sängern Aldana (Tres) und Borrego (Posaune) Trompeter Dilout. Er glänzte mit einer inbrünstigen Inhaltlichkeit und geradezu chirurgischen Präzision und verströmte sich einfach, besonders im zweiten Teil.

Nach und nach entfalteten sich die einzelnen Instrumentalisten (nur der Pianist und der Congaspieler sangen nicht) mit mannigfaltigem Detailreichtum. So fügte etwa Bandleader Llanes ein kleines Vokalsolo ein, das an sich schon eine Kostbarkeit war. Und Pianist Heber Alberto Méndez Gómez glänzte mit einem Einfallsreichtum, der von kongenialer Sensibilität geprägt war. Dass die Sänger auch vor der Bühne Kontakt zu jungen Damen fanden, war irgendwie klar: schon im ersten Teil tanzte das halbe Kino, und dabei blieb es. Ein tolles Konzert auf höchstem Niveau, nachher lächelten alle.

Nach dem gestrigen Gastspiel von Melanie Bong und Lulo Reinhardt (Bericht folgt) wird das Festival heute um 19.30 Uhr mit einem Konzert des iranischen Duos Naqsh im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge fortgesetzt. Am Samstag um 20 Uhr ist dann die Band “Radio Rumeli” (anstelle von “Turbo Sapienova” in der Kinokneipe “Statt Gießen” zu erleben (www.kuenstlich-ev.de).